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Wenkmann schrieb am 2.10. 2004 um 01:25:51 Uhr über

Kühlturmwärter

Heute war ein guter Tag!
Oh, ja!
Wer hätte gedacht, dass er an diesem grauenvollen
Sommertag, voller hirnzerschmelzendem Kinderlachen
und abartig glücklichen Gedanken noch so ein wundervolles Abendessen bekommen würde?
So FRISCH!
So JUNG!
Und so hilflos...
Aber auf Gott konnte er sich eben verlassen.

Als er sich mit einem schlurfenden Schritt zum Spielzeugtelefon bewegte, fiel ihm aus dem linken Nasenloch eine mit Schleim verschmierte Made.
Gedankenverloren schaute er zum Boden, bückte sich, undsie auf.

"Das solltest du einmal versuchen, Thomas!
Wirrrklich seeehhhrrrr lecker, mein Kleiner..."

Der Junge, dessen linker Arm in einem grotesken
Winkel vom Körper abstand, lag auf einer blutverkrusteten Matte, umgeben von einem rotierenden Schwarm Fliegen, die sich in einer wilden Raserei wieder und wieder auf seine offene Wunde am Bein stürzten.
Er weinte.

"So, mein Süßer, dann will ich mal deine Mutter anrufen...
Sie soll sich doch keine Sorgen machen, oder?"

Der Junge zeigte keine Reaktion.

»Lass mich einmal nachschauen...«

In einer ruckartigen Bewegung drehte er sich um und schaute ihn mit einem durchdringenden Blick an, während ihm eine weitere Made, gelb und offensichtlich wohlgenährt, aus der Nase fiel. Sein Atem beschleunigte sich, während ein leichtes Zittern durch seinen verschrumpelten und fauligen Körper ging.

"Ah, da ist sie ja! Ganz deutlich lesbar!
Du kleiner Schatz... Bist Mamis Liebling, nicht?
Und eine Schwester hast Du auch?
Nathalie heißt sie?
Wie schön!
Möchtest du sie nicht zu unserer kleinen Party
heute abend einladen?
Sie hätte bestimmt viel Spaß!
Wie klar deine Gedanken nur sind...
Herrlich!"

Er zeigte sein schönstes Lächeln.
Eine Reihe verfaulter, schwarzer Stümpfe kam zum Vorschein, um die sich, so schien es, kleine Würmer
wanden.

Er hob den Hörer des Spieltelefons ab und wartete, während das durchtrennte Telefonkabel an der Seite
baumelte.
Es meldete sich eine Frauenstimme.

"Ah, Frau Kleinmann?
Sind Sie es?
Ja, hier spricht Dr. Huber vom Adalberg Krankenhaus.
Ihr Sohn hatte einen schweren Unfall, Frau Kleinmann...
Ja, genau.
Sierichstrasse, Ecke Lübbenaukamp...
Ja.
Beruhigen Sie sich, Frau Kleinmann, es geht ihm gut.
Machen Sie sich keine Sorgen...
Ja...
Sicher...
Kommen Sie vorbei, nur...
Wir müssen ihn gleich operieren.
Sein Arm ist verletzt, ebenso sein Bein.
Ja, das hängt davon ab.
Ich denke, zwei bis drei Stunden...
Genau. Kommen Sie vorbei und warten Sie am besten in der Notaufnahme. Schwester Hammerskjold wird Ihnen sicher einen Kaffee geben. Nein, Sie brauchen sich überhaupt keine Gedanken machen, das ist ein Routineeingriff und Thomas ist ein sehr tapferer Junge.
Sicher. Also, wir sehen uns dann.
Wiedersehen, Frau Kleinmann!"

Er machte ein merkwürdiges Klickgeräusch und wartete,
bis Frau Kleinmann aufgelegt hatte.
Langsam drehte er sich wieder um.
Wo war sein Operationsbesteck?
Er dachte nach.
War er denn in 3000 Jahren so vergesslich geworden?
Er schloss die Augen.

Ah, ich weiß! Im Keller!
Ja, ja.. man sollte seine Instrumente immer
griffbereit haben.

"So, Thomas, ich muss dich leider kurz alleine lassen.
Aber keine Soirge, ich bin gleich wieder da.
Und dann kümmern wir uns um deinen verletzten Arm.
Versprochen.
Ich bringe dir auch eine kleine Leckerei mit...
Magst du Augen?
Also ich LIIIIEBE Augen!
Mal sehen, ob ich noch welche da habe..."

Und mit diesen Worten verschwand er hinter der
schweren Tür, dessen metallisch glänzende Oberfläche
die meisten Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts in den Wahnsinn getrieben hätte, da sie aus physikalischer Sicht
eigentlich nicht existieren durfte.

'Ich sollte mir ein Notizbuch anschaffen.
Oder so ein lächerliches Ding...
Wie heißt es doch noch?
Kommpjuterr?'

Auf dem langen Weg nach unten begann er leise zu singen.

Ja!
Dies war ein wundervoller Tag!
Und er Abend würde fantastisch werden!
Großartig!
Voller lieblicher Schreie und Schmerz!
Und diese köstliche Angst...
Er konnte sie schon auf seiner verfaulten Zunge schmecken.

Mit einem Lächeln griff er zu seinem Operationsbesteck, das im grunde genommen nur aus einem verrosteten Taschenmesser bestand.
Aber es war ausreichend, gewiss.
Denn als Chirug hatte er Erfahrung...










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