Einige überdurchschnittlich positiv bewertete
Assoziationen zu »Scheidungskind«
Angie schrieb am 17.7. 2026 um 07:57:13 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Scheidungskind
Es gibt Worte, die einen ein Leben lang begleiten, obwohl sie längst nicht mehr passen.
Scheidungskind ist so ein Wort.
Ich habe es nie abgelegt. Es ist einfach still geworden.
Früher dachte ich, meine Geschichte beginne mit der Trennung meiner Eltern. Heute weiß ich, dass sie dort nur eine scharfe Kurve nahm.
Ich habe Jahre damit verbracht, verstehen zu wollen. Wer ging. Wer blieb. Wer schuld war. Als gäbe es in Familien Urteile, die ein Herz zur Ruhe bringen könnten.
Meine Mutter blieb.
Mein Vater ging.
Ich blieb zwischen beiden.
Nicht als Ort. Als Zustand.
Ich wurde aufmerksam für Zwischentöne. Für das Schweigen nach einem Satz. Für den Blick aus dem Fenster, wenn jemand längst woanders ist. Ich lernte früh, dass Liebe nicht immer genügt und dass Anstand nicht immer Glück bedeutet.
Lange hielt ich das für eine Last.
Heute weiß ich, dass es auch eine Gabe ist.
Ich urteile langsamer.
Ich höre länger zu.
Ich glaube den einfachen Erklärungen nicht mehr.
Mein Vater suchte das Meer.
Meine Mutter hielt den Alltag zusammen.
Beide zahlten einen Preis.
Damals wollte ich wissen, wer recht hatte.
Heute interessiert mich etwas anderes: Ob sie Frieden gefunden haben.
Und ich?
Ich habe aufgehört, mein Leben als Fußnote ihrer Geschichte zu lesen.
Ich bin nicht das Kind ihrer Trennung.
Ich bin das Ergebnis meines eigenen Weges.
Die Scheidung meiner Eltern hat mich geprägt.
Aber sie hat mich nicht geschrieben.
Den letzten Satz meines Lebens schreibe ich selbst.
Jonas schrieb am 19.7. 2026 um 07:17:26 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Dreizehn Kreuze
Jonas war einmal
ein gut behütetes Kind.
Zwei Kinderzimmer.
Zwei Geburtstagsfeiern.
Zwei Eltern,
die beide sagten:
Wir lieben dich.
Er glaubte ihnen.
Bis er merkte,
dass Liebe
nicht bedeutet,
zu bleiben.
Seitdem
rechnete er.
Nicht mit Zahlen.
Mit Verlusten.
Er lernte früh,
Koffer zu packen.
Später
lernte er,
Flaschen zu leeren.
Heute nennen sie ihn
den Penner
vor dem Bahnhof.
Niemand sieht,
dass er einmal
Klavierunterricht hatte.
Dass seine Mutter
darauf bestand,
dass er einen Schal trägt.
Dass sein Vater
ihm erklärte,
wie man einen Krawattenknoten bindet.
Jetzt bindet Jonas
höchstens
den Schlafsack zusammen.
Sein Zuhause
ist eine Betonplatte
unter der Brücke.
Sein Wecker
ist die Straßenreinigung.
Seine Nachbarn
wechseln häufiger
als die Jahreszeiten.
Nur Elke
bleibt.
Elke schläft
drei Bögen weiter.
Sie sammelt Pfandflaschen,
raucht filterlose Zigaretten
und nennt Jonas
noch immer
beim Namen.
»Du warst doch mal
einer von denen,
die geschniegelt
zur Arbeit gingen.«
Jonas nickt.
Er erzählt ihr nicht,
dass er sich
an den Moment,
als alles kippte,
gar nicht erinnern kann.
Er erinnert sich nur
an das Gefühl,
ständig
etwas verlieren zu können.
Ein TOTO-Schein
liegt zerknüllt
zwischen zwei Bierdosen.
Dreizehn Spiele.
Kein einziger Treffer.
Jonas lacht.
»Passt«, sagt er.
»War früher
mit meinem Leben
auch nicht anders.«
Elke hebt den Schein auf,
streicht ihn glatt
und steckt ihn
in ihre Jackentasche.
»Weißt du«,
sagt sie,
»manche verlieren
nicht,
weil sie falsch tippen.
Manche spielen
ihr ganzes Leben
in der Hoffnung,
dass diesmal
endlich jemand bleibt.«
Jonas schaut
auf die Schienen.
Ein Zug fährt vorbei.
Für einen Augenblick
glaubt er,
er könne noch hören,
wie seine Mutter ruft.
Oder seinen Vater.
Dann ist nur noch
das Rattern da.
Und der Durst.
Bis heute
weiß Jonas nicht,
wann aus einem
gut behüteten Kind
ein Mann wurde,
der auf einer Platte schläft.
Er weiß nur,
dass manche Abstürze
nicht mit einem großen Knall beginnen.
Sondern mit einer Tür,
die sich schließt,
und einem Kind,
das glaubt,
es müsse von nun an
alles allein
aushalten.
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