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Selbstbefleckung Kapitel 5
Einmal wäre ich beinahe beim Wichsen von meiner Mutter erwischt worden. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, vielleicht 13 oder 14. Bei uns wurde zu der Zeit gerade ein Zimmer renoviert. Ich sollte nach der Schule und der Erledigung der Hausaufgaben die alten Tapeten in diesem Zimmer abreißen. Alle Möbel waren schon in die Mitte des Zimmers gerückt und mit Folie abgedeckt. Die Arbeit war zwar stumpfsinnig, das machte mir aber nichts aus. Ich ließ meine Gedanken frei schweifen. Schon bald landeten sie bei einer Mitschülerin. Das übliche Szenario: Wir machen zusammen Hausaufgaben. Sie gibt mir zu verstehen, dass sie gerne etwas anderes tun würde. Sie ist ganz schön verdorben. Mich überkam der unwiderstehliche Drang zu onanieren. Außer meiner Mutter war niemand zu Hause. Sie war entweder in der Küche beschäftigt oder las die Zeitung oder machte ihren Mittagsschlaf. Jedenfalls gab es keinen Grund für sie, nach mir zu sehen. Sie wusste ja, wo ich war und was ich tat.
Die Beule in meiner Hose wurde immer größer. Ich rieb von außen an ihr, was aber keine gute Idee war. Durch den alten Kleister und die Tapeten waren meine Hände staubig und ich verrieb den weißen Staub an der verräterischsten Stelle meiner Hose. Ich wischte meine Hände an einem Lappen ab und versuchte, den Staub wieder aus der Hose herauszubekommen. Das ging zum Glück ganz gut. Was noch immer nicht verschwunden war, war meine Erektion.
„Es wird schon nichts passieren“, dachte ich und versteckte mich unter der Malerfolie hinter einem Schrank. Wenn jemand zur Tür hereinkäme, würde er mich nicht gleich sehen, da ich hinter dem Schrank war. Die Folie selbst würde allerdings keinen Schutz bieten. Sie war durchsichtig. Ich nahm mir vor, möglichst schnell zu machen.
Kaum hatte ich angefangen, als ich hörte, wie die Zimmertür geöffnet wurde. Ich dachte: „Scheiße!“, und versuchte, meinen prall stehenden Schwanz in die Hose zu stopfen. Das gelang mir zwar irgendwie, aber ich konnte den Hosenschlitz nicht mehr schließen.
„Helmar?“ fragte meine Mutter.
„Ich bin hier“, antwortete ich, während ich unter der Folie hervorschlüpfte. Meine Mutter kam auf der einen Seite um den Schrank herum, ich tat so, als wollte ich ihr entgegengehen, nahm aber die andere Seite. Als ich hörte, dass sie die Richtung änderte, änderte ich meine auch. Wie im Zeichentrickfilm. Jede Sekunde war jetzt kostbar. Hoffentlich ging meine Erektion bald weg! Ich schaffte es nicht mehr, den Hosenschlitz zu schließen, aber ich schnappte mir ein paar große Stücke von der abgerissenen Tapete, die auf dem Boden lagen, und hielt sie schützend vor mir. Meine Mutter hatte inzwischen wieder die Richtung geändert und stand vor mir.
Ich sagte irgend etwas Sinnloses wie: „Ich wollte die abgerissenen Tapetenstücke hier neben der Tür sammeln, und dafür muss ich immer um den Schrank herumgehen.“
Meine Mutter sah mich etwas sonderbar an. Fragend und auch vorwurfsvoll. Sie antwortete etwas völlig Belangloses. Dann verließ sie das Zimmer. Weswegen sie eigentlich gekommen war, sagte sie nicht.
Das Wichsen war mir an diesem Tag gründlich vergangen. Erst abends, als ich im Bett lag, konnte ich mich endlich entspannen.
Im Nachhinein denke ich, dass sie die Situation von Anfang an durchschaut hat. Ich fürchte sogar, dass sie etwas geahnt hat und nur deswegen ins Zimmer gekommen war, um nachzusehen. Denn sonst gab es keinen Grund dafür. Sie hatte keine Frage an mich und es gab nichts, was sie mir sagen wollte.
Es kann natürlich auch sein, dass sie einfach ihrer mütterlichen Aufsichtspflicht nachkommen wollte und nachsehen kam, ob ich keinen Unsinn mache. Ob ich nicht auf den zusammengerückten Möbeln herumklettere zum Beispiel. Das würde wiederum dafür sprechen, dass ich damals eher 13 als 14 war. Komisch, dass ich mich an die Szene so genau erinnern kann, aber nicht daran, wie alt ich war. Die Mitschülerin, die ich mir damals vorstellte, war mehrere Jahre in meiner Klasse. Sie diente mir sehr lang als Wichsvorlage. Ich brauchte nur die Augen zu schließen. Daran kann ich es also auch nicht festmachen.
Schon lange habe ich vor, in meine Erinnerungen Struktur zu bringen und sie vernünftig zu sortieren. Das ist eines der Vorhaben auf meiner To-do-Liste für die nächsten Tage. So wie ich regelmäßig die Festplatte meines Computers „aufräume“.
Die Festplatte aufzuräumen ist einfach: Man löscht alle nicht mehr benötigten Dateien. Bei den Dateien, die man behalten möchte, prüft man, ob sie im richtigen Dateiordner gespeichert sind. Gegebenenfalls legt man einen neuen Ordner an und verschiebt die entsprechenden Dateien dorthin. Bevor man den Papierkorb leert, schaut man noch nach, ob man die in ihm befindlichen Dateien wirklich löschen möchte. Das Programm fragt zur Sicherheit immer nach. Dann löscht man Cookies, temporär heruntergeladene Internetdateien und Bilder. Dann defragmentiert man die Festplatte. Defragmentieren ist wichtig.
Sinnvoll ist es auch, das Passwort für die geschützten Dateien zu ändern. Zum Beispiel sollte man alle Wichsvorlagen in einem geschützten Ordner speichern, der natürlich einen unverfänglichen Namen erhält, wie etwa „Bilder 2“. Der Ordner „Bilder 1“ enthält Urlaubsbilder, Familienfotos und ähnliche harmlose Dinge. „Bilder 2“ kann man nur nach Eingabe eines Passwortes öffnen. Somit ist sichergestellt, dass niemand sehen kann, mit welchen Bildern man sich einsam vergnügt. Ich denke dabei weniger an Bekannte, die in meiner Wohnung herumschnüffeln, als vielmehr an irgendwelche Erben oder Nachlassverwalter, die die Wohnung auflösen, sollte ich von einem Lkw überfahren werden. Oder wenn mir ein Dachziegel auf den Kopf fiele.
In so einem Fall käme wohl meiner Mutter die traurige Pflicht zu, meine persönlichen Angelegenheiten zu regeln und meine Wohnung aufzulösen. Das ist das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann. Sagt man. Das stimmt aber nicht ganz. Das absolut Allerschlimmste, was einer Mutter passieren kann, ist, dass sie die Wohnung ihres verstorbenen Kindes auflösen muss und dabei riesige Mengen an Schmuddelbildern im Computer findet. Das wäre der Super-GAU. Nein, auch das stimmt so noch nicht ganz. Normale, konventionelle Bildchen mit vögelnden Paaren wären weniger schlimm als Bilder mit irgendwelchen Fetischen. Sich gegenseitig leckende Lesben sind zum Beispiel schlimmer als ein Hetero-Paar im Doggy-Style. Dieses ist wiederum schlimmer als ein Hetero-Paar in der Missionarsstellung. Auch bei den Fetischen gibt es Abstufungen: Ganzkörpergummianzüge mit Gasmasken wären deutlich schlimmer als buschige Muschis. Zumal es zu Zeiten, an die sich manche Mütter vielleicht erinnern können, nur buschige Muschis gab. Heutzutage haben sie Seltenheitswert und sind für manche Leute zu einem Fetisch geworden. Na ja.
Meinen bevorzugten Fetisch ordne ich auf der nach oben offenen „Deine-Mutter-regelt-deinen-Nachlass-und-findet-Pornobilder-auf-deinem-Computer“-Skala ungefähr bei „5“ ein. Wie ein Erdbeben der Stärke „5“ auf der Richter-Skala. Oder so ähnlich.
Was das anbelangt, ist der Unterschied zwischen der Möglichkeit, von der Putzfrau beim Onanieren erwischt zu werden, und der Möglichkeit, von einem Lkw überfahren zu werden, nicht wirklich groß. Daher ändere ich regelmäßig das Passwort meines Wichsvorlagen-Ordners und achte auf eine stets gut aufgeräumte Festplatte.
Diese Arbeit ist in zwei Stunden erledigt. Sie ging deswegen recht schnell, weil auf meiner Festplatte ohnehin immer Ordnung herrscht. Die meiste Zeit hat das Defragmentieren in Anspruch genommen. Die Sache, die als nächstes kommt, würde ich gerne noch etwas aufschieben, aber sie muss irgendwann mal erledigt werden. Und jetzt ist die optimale Zeit dafür. Wann habe ich sonst schon mal eine tagelange Zwangspause und bin außerdem an meine Wohnung gefesselt.
Ich würde mich gerne noch vor dieser Sache drücken, weil ich nicht weiß, wie ich sie anpacken soll. Die Festplatte des Gedächtnisses ist wesentlich schwieriger aufzuräumen als die des Computers. Also mache ich das, was ich immer mache, bevor ich an eine schwierige Arbeit gehe: Ich hole mir erst mal einen herunter. Das dauert eine knappe halbe Stunde. Schließlich ist das letzte Mal noch nicht so lang her. Außerdem bin ich etwas abgelenkt durch die bevorstehende Arbeit. Ich muss mich mehrmals selbst zur Ordnung rufen. Gedankendisziplin ist gefragt. Konzentration auf das Wesentliche.
Es wird dann doch noch ein ziemlich heftiger Orgasmus, weil ich beim Aufräumen der Festplatte im Ordner „Bilder 2“ ein Bild gefunden habe, das sofort heftigste Reaktionen hervorrief. Ein Bild, das ich völlig vergessen hatte. Ich weiß nicht, wann ich es das letzte Mal angesehen habe, das ist bestimmt schon ein Jahr her. Wenn nicht zwei. Jedenfalls machte es mir sehr viel Spaß. Ich denke, ich werde mich in den nächsten Tagen noch häufiger damit beschäftigen.
Ich humple ins Bad, um das Taschentuch zu entsorgen. Bei der Gelegenheit kann ich gleich auch noch die Hände waschen. Das halte ich nach dem Masturbieren zwar nicht für unbedingt nötig, aber im Moment dient es als Übersprungshandlung. Zum Aufschieben der nächsten Arbeit. Ich setze mich auf den Rand der Badewanne und desinfiziere auch noch die Handgriffe meiner Krücken. Was bringt es, wenn ich mit frisch gewaschenen Händen die Krückengriffe anfasse, die ich vorher mit ungewaschenen Händen angefasst habe? Da sind sicherlich noch die Keime aus dem Krankenhaus dran. Höchste Zeit also für eine Desinfektion. Man hört doch immer, wie gefährlich Krankenhauskeime sind.
Nun habe ich keine Ausrede mehr. Ich schnappe mir den Zeichenblock und einen Bleistift. In der Mitte des Blattes ziehe ich eine Linie. Über die linke Spalte schreibe ich: „Erinnerungen, die aufzufrischen sind“. Über die rechte Spalte: „Erinnerungen, die zu löschen sind“.
Die linke Spalte muss aber noch unterteilt werden. Zum Beispiel gibt es Erinnerungen, die noch lebendig sind, aber die zeitlich eingeordnet werden müssen. Wie die Sache mit dem Tapetenabreißen. Ich brauche eine Art Zeitstrahl, eine Chronologie.
Dann gibt es Erinnerungen, die nur noch fragmentarisch vorhanden sind. Hier müsste das Drumherum rekonstruiert werden. Die Erinnerungen müssten in ihren größeren Zusammenhang eingebettet werden. Eigentlich sind es sogar nicht mal richtige Erinnerungen, sondern eher Gefühle oder Stimmungen, an die man sich erinnert. Man muss also nicht so sehr das Drumherum rekonstruieren, sondern den Auslöser dieser Gefühle oder Stimmungen identifizieren. Auslöser werden meist externe Ereignisse gewesen sein. Etwas, was einem „angetan“ wird, im Positiven wie im Negativen.
Ich belasse es bei diesen zwei Unterspalten der linken Spalte und wende mich der rechten Spalte zu. Soll ich die „Erinnerungen, die zu löschen sind“, weiter unterteilen? Vielleicht nach Priorität? Die größten Kränkungen haben Löschpriorität 1, kleinere Peinlichkeiten Löschpriorität 3? Und vor allem: Wie wird gelöscht? Wo finde ich den Lösch-Button? Werde ich vorher gefragt: „Sind Sie sicher, dass Sie die ausgewählten Erinnerungen für immer löschen wollen?“
Dann noch eine Frage, die ich klären muss: Wie kommt es, dass man sich an manche Dinge erinnert, die zwar auch peinlich oder kränkend waren, bei denen man aber heute nicht mehr dieses Gefühl der Scham verspürt? Man hat quasi seinen Frieden mit dieser Erinnerung gemacht. Sie tut nicht mehr weh. Wie eine lang vernarbte Wunde.
Falls ich den Lösch-Button nicht finden sollte, hätte ich die Möglichkeit, mit allen kränkenden oder peinlichen Erinnerungen quasi meinen Frieden zu machen? Wenn ich Demütigungen und Niederlagen schon nicht löschen kann, könnte ich mich dann mit ihnen versöhnen, so dass sie mir nicht mehr weh tun? Dass ich ohne Bitterkeit an sie denken kann? Oder bleibe ich ganz einfach bei meiner Methode der Gedankendisziplin und schiebe sie beiseite, wenn sie hochkommen? Sie kommen ja nicht wirklich oft hoch. Und Verdrängen hilft eigentlich immer. Eine sinnvolle Einrichtung der Evolution. Klar, am besten wäre es, wenn sie nicht existieren würden. Deshalb will ich ja das Löschprojekt angehen.
Und was habe ich überhaupt alles vergessen? Ich weiß zum Beispiel, dass ich vergessen habe, wann ich das erste Mal masturbierte. Ich weiß noch, wie es war, aber nicht mehr, in welchem Alter es war. Das meine ich jedoch gar nicht. Ich meine, was ich gerne wüsste, ist, gibt es auch Peinlichkeiten, Demütigungen oder Kränkungen, die ich vergessen habe? Mit denen ich also nicht meinen Frieden gemacht habe, sondern die ich komplett vergessen habe. Die also praktisch gar nicht mehr existieren. Das werde ich wohl nicht herausfinden können.
Beim Computer kann man herausfinden, welche Dateien gelöscht worden sind. Man kann sie auf der Festplatte aufspüren. Allerdings nur so lange, wie die Festplatte nicht defragmentiert worden ist. In meinem Gedächtnis hingegen kann ich nicht feststellen, welche Dateien gelöscht wurden.
Ein weiteres Problem ist, dass man bei den meisten Sachen keine anderen Leute fragen kann. Ich kann meine Mutter selbstverständlich nicht fragen, wann ihr das erste Mal Wichsflecken in meinen Schlafanzügen aufgefallen sind. Ich kann sie nicht mal fragen, ob ihr überhaupt welche aufgefallen sind.
Was Peinlichkeiten anbelangt, kann ich auch keine anderen Leute fragen, denn sehr wahrscheinlich haben sie das Ereignis, das in meiner Erinnerung zu einer monströsen Blamage angewachsen ist, vollständig vergessen. Ich würde also eine längst vergessene Sache in deren Gedächtnis wieder neu einpflanzen und mich selbst gleich nochmals blamieren. Jedenfalls hoffe ich, dass sie das Ereignis deshalb vergessen haben, weil es für sie und für alle anderen unwichtig und unbedeutend war, und dass es nur in meiner Erinnerung überdimensional angeschwollen ist. Kann aber auch sein, dass sie es deswegen vergessen haben, weil sie einfach ein schlechtes Gedächtnis haben. Oder weil ihr Gehirn allgemein nicht besonders gut funktioniert. Soll mir auch recht sein.
Bei der chronologischen Einordnung von Ereignissen könnten beispielsweise meine Schuljahrbücher helfen, wenn es etwa um Mitschülerinnen geht, die ich als geistige Wichsvorlage verwendet habe. Zumindest manchmal könnten sie helfen, etwa wenn eine neue Schülerin in meine Klasse versetzt wurde, weil ihre Eltern hierher umgezogen sind. In anderen Fällen würden die Jahrbücher natürlich nicht helfen. Ohnehin habe ich alle Schuljahrbücher weggeworfen, man kann sie ja nicht sein ganzes Leben lang mitschleppen. Das wäre zu viel Erinnerungsballast.
Manchmal, wenn es mir trotz mentaler Disziplin nicht gelingt, eine peinliche Erinnerung gleich wegzuschieben, wundere ich mich darüber, mit welcher Klarheit das Ereignis vor meinem inneren Auge steht. Ich erinnere mich an jedes Detail, an jedes Wort. Und das, obwohl das Ereignis schon 15 oder 20 Jahre zurückliegt. In solchen Momenten fürchte ich, das absolute Gedächtnis zu haben. Absolutes Gedächtnis wie absolutes Gehör. Es gibt bekanntlich Menschen, Komponisten und Musikproduzenten zum Beispiel, die das absolute Gehör haben. Sie hören jeden falschen Ton, wenn jemand singt oder ein Instrument spielt. Das müssen sie auch, das ist ihr Beruf. Ein Deutschlehrer findet ja auch jeden Rechtschreibfehler in einem Schüleraufsatz.
So wie es das absolute Gehör gibt, gibt es auch das absolute Gedächtnis, aber wesentlich seltener. Ich glaube, es sind weltweit höchstens eine Handvoll Fälle dokumentiert. Diese Menschen können sich jeden Dialog jeder Folge jeder Seifenoper merken, die sie jemals in ihrem Leben gesehen haben. Und von den nicht gesehenen Folgen können sie sich an Tag und Anfangszeit aus der Fernsehzeitung erinnern. Sie wissen, wie das Wetter war, als sie die 357. Folge einer Daily Soap gesehen haben und welchen Pullover sie an dem Tag trugen. Sie können sämtliche Gästelisten sämtlicher Parties wiedergeben, auf denen sie jemals waren, dazu zählen sie die Speisen und Getränke auf, die es gab. Sie erinnern sich an alle Gespräche, die geführt wurden, an jedes Gastgeschenk, an die Zusammenstellung der Blumensträuße usw.
Nur: Solche Menschen gehen nicht mehr auf Parties und sehen auch nicht mehr fern, sie vermeiden im Gegenteil jegliche äußeren Eindrücke und verbringen die meiste Zeit in einem abgedunkelten Zimmer, da sie sonst verrückt werden würden. Jeder äußere Eindruck wird für sie sofort eine Erinnerung, und da sie keine Erinnerung je vergessen können, reduzieren sie ihre äußeren Eindrücke radikal.
Natürlich ist das kein lebenswertes Leben. Normalerweise merkt man sich zwar auch, welche Kleidung man zu wichtigen Events trug, um nicht zweimal mit derselben Krawatte auf der Betriebsweihnachtsfeier zu erscheinen, aber es geht dabei eben nur um wichtige Events und nicht um jeden Tag im Leben. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, was meine Mutter heute nachmittag anhatte, als sie bei mir war. Ich bin also beruhigt: Ich habe nicht das absolute Gedächtnis. Ein sehr gutes allerdings schon. Ein weit überdurchschnittliches, würde ich sogar sagen. Grund genug, darauf aufzupassen und es immer in bester Ordnung zu halten.
Dies ist ein guter Schlusspunkt für meine heutige Arbeit. Der Einstieg in die Operation „Erinnerung“ wäre geschafft. Ich kann mit mir selbst zufrieden sein. Ein guter Grundstein wurde gelegt, eine solide Basis geschaffen. Von hier aus kann ich das Projekt fortführen. Ich bin ein großer Verfechter des Prinzips der Belohnung, insbesondere der Selbstbelohnung. Eine Belohnung soll immer in engem zeitlichem Zusammenhang zum Anlass stehen, deshalb belohne ich mich jetzt. Mit einem schönen Orgasmus.
Ich kehre zu den beiden lesbisch-nichtlesbischen Studentinnen zurück, die gerade von der Uni nach Hause gekommen sind. Es ist Hochsommer. Sie reißen sich gegenseitig die Spaghetti-Tops und die Caprihosen vom Leib und fallen ausgehungert übereinander her.
„Puh, ist das heiß heute!“
„Und ich bin erst heiß – auf dich!“
„Ich halte es keine Sekunde mehr aus!“
„Ich brauche es jetzt sofort!“
Sie küssen einander, ihre Hände sind überall auf ihren gut gebräunten sportlichen Körpern. Es dauert nicht lang, und die beiden befinden sich in der 69er Position. Unaufhaltsam treiben sie einander auf einen heftigen Orgasmus zu.
„Mach schneller, los!“
„Nicht aufhören, genauso weiter!“
„Gott, ist das geil!“
„Ich bin klatschnass!“
Das Telefon klingelt.
„Lass es klingeln, mach bloß weiter!“
„Los, weiter, ich komme gleich!“
„Ich auch. Und ich will danach gleich noch mal!“
Ein Hammer-Orgasmus bebt in mehreren Wellen durch die beiden verschwitzten Körper, die sich wiederholt aufbäumen und dann erschöpft zusammensinken.
Zeitgleich schießen mehrere Spermaschübe in mein Taschentuch. Ich lasse mich auf das Sofa zurückfallen. Das Telefon klingelt noch immer.
„Ja?“
„Hallo, ich bin’s, Bub. Ich störe doch nicht etwa? Ja, ich weiß, dass es etwas länger dauert, bis du ans Telefon gehen kannst.“
„Es war gerade auf der Ladestation, sonst habe ich das Telefon natürlich immer bei mir, wie auch das Handy“, sage ich mechanisch.
„Ich wollte nur noch fragen, ob du vielleicht etwas brauchst oder ob du alles hast. Hast du schon gegessen? Wenn du dir das Essen warmmachst, musst du vielleicht noch etwas salzen, ich habe vorsichtshalber wenig gesalzen, weil ich nicht weiß, wie du dein Essen gerne magst. Man kann besser nachsalzen als Salz rausnehmen.“
„Also genaugenommen war ich gerade auf dem Weg in die Küche, als das Telefon geklingelt hat. Ich habe jetzt ziemlichen Hunger und freue mich auf deine Hausmannskost.“ Ich versuche ein Lächeln in meine Stimme zu legen.
„Du isst spät, Bub, aber du bist dann wahrscheinlich noch etwas wach und wirst fernsehen, oder? Aber ich will dich nicht aufhalten.“
Da ich ihr zu verstehen gegeben habe, dass sie mich gerade beim Aufwärmen ihres Essens gestört hat, ist sie gnädig und beendet das Telefonat relativ schnell.
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